Kristian Beucker: „Die technologischen Vorteile von Talgo haben das Unternehmen zu einer geschätzten Option im Schienenfernverkehr gemacht“

Kristian Beucker: „Die technologischen Vorteile von Talgo haben das Unternehmen zu einer geschätzten Option im Schienenfernverkehr gemacht“

Kristian Beucker, Country Manager von Talgo in Deutschland und neues Mitglied des Vorstands der Cámara Oficial Española de Comercio en Alemania, verfügt über eine langjährige berufliche Erfahrung im deutsch-spanischen Umfeld. Seine Verbindung zu Spanien reicht bis in seine Kindheit zurück und wurde später durch seinen Eintritt bei Talgo in Madrid im Jahr 1992 weiter gefestigt. Seitdem hat er einen Großteil seiner beruflichen Laufbahn in Deutschland verbracht, wo er das Wachstum des Unternehmens miterlebt und maßgeblich mitgestaltet hat. In diesem Interview sprechen wir über die Entwicklung von Talgo auf dem deutschen Markt, die wichtigsten Projekte des Unternehmens sowie über die Besonderheiten der Zusammenarbeit zwischen zwei unterschiedlichen Unternehmenskulturen.


(F) Könnten Sie sich zunächst kurz vorstellen und uns erzählen, wie es dazu kam, dass Sie Ihre berufliche Laufbahn im deutsch-spanischen Wirtschaftsraum entwickelt haben?

Während meines Maschinenbaustudiums in Aachen absolvierte ich ein Industriepraktikum bei Talgo in Madrid. Einige Jahre später erhielt Talgo den Auftrag zur Instandhaltung der an die Deutsche Bahn gelieferten Züge. Dadurch kreuzten sich unsere Wege erneut und ich trat 1992 in Madrid in das Unternehmen ein.

Anschließend wurde ich in eine neu gegründete deutsche Tochtergesellschaft von Talgo versetzt, wo ich am Aufbau der Geschäftstätigkeit beteiligt war. In diesem Zusammenhang entstand in Berlin-Friedrichshain ein Instandhaltungsstützpunkt, der 1994 mit einer Belegschaft von 40 Mitarbeitern seinen Betrieb aufnahm.

Seitdem hat das Unternehmen ein bemerkenswertes Wachstum erlebt und beschäftigt heute 165 Mitarbeiter. Aktuell liefern wir ICE-Züge an die Deutsche Bahn und übernehmen auch deren Instandhaltung.


(F) Vor Kurzem sind Sie dem Vorstand der Cámara Oficial Española de Comercio en Alemania beigetreten. Was bedeutet es für Sie, diese Verantwortung zu übernehmen?

Es ist für mich eine große Ehre, dem Vorstand der Handelskammer anzugehören. Ich freue mich, einen Beitrag zur Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Spanien und Deutschland leisten zu können, indem ich die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen unseres Netzwerks fördere und neue Partnerschaften sowie Kontaktmöglichkeiten im deutsch-spanischen Wirtschaftsraum unterstütze.


(F) Welche Bedeutung hat der deutsche Markt derzeit für Talgo und auf welche Geschäftsbereiche konzentriert sich das Unternehmen hierzulande?

Deutschland ist derzeit der wichtigste Wachstumsmarkt für Talgo. Wie bereits erwähnt, begann die Präsenz von Talgo in Deutschland 1994 mit der Inbetriebnahme von zunächst vier und später sechs Talgo-Nachtzügen. Seitdem hat Talgo international stark expandiert. Heute sind Talgo-Züge ein wichtiger Bestandteil des Schienenfernverkehrs nicht nur in Spanien, sondern auch in den USA, Ägypten, Saudi-Arabien, Usbekistan und Kasachstan.


Erst vor Kurzem wurden nahezu zeitgleich Talgo-Züge mit einer Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h in Dänemark und Deutschland in Betrieb genommen. Dank ihrer technologischen Vorteile haben sie sich in immer mehr Ländern zu einer sehr geschätzten Option im Schienenfernverkehr entwickelt. Allein für den deutschen Markt liegen derzeit Bestellungen über insgesamt 125 Talgo-Züge vor.


(F) Talgo verfügt über eine bedeutende Präsenz und langjährige Erfahrung im deutschen Eisenbahnsektor. Welche Projekte und Entwicklungen des Unternehmens in Deutschland würden Sie besonders hervorheben und welche Chancen sehen Sie für Talgo in den kommenden Jahren?

Die spanische Muttergesellschaft Patentes Talgo liefert derzeit 60 ICE-Züge des Typs Talgo 230 an die Deutsche Bahn. In Kürze beginnt zudem die Auslieferung von 65 Zügen derselben Generation an FlixTrain. Talgo Deutschland GmbH begleitet die Auslieferungsprozesse und wird für beide Projekte umfangreiche Instandhaltungsleistungen erbringen. Wir sind besonders stolz darauf, dass unsere bewährte Technologie diese Kunden überzeugt hat und unsere Züge künftig in so großem Umfang in Deutschland zum Einsatz kommen werden.


(F) Welche technologischen Vorteile haben Ihrer Meinung nach Talgo zu einer erfolgreichen Positionierung auf dem internationalen Eisenbahnmarkt verholfen, und welchen Beitrag leisten die Züge in Bezug auf Effizienz, Nachhaltigkeit und Fahrgastkomfort?

Es sind die technologischen Eigenschaften in Verbindung mit einem wettbewerbsfähigen Preis, die den internationalen Erfolg der Talgo-Züge ausmachen. Der wichtigste Faktor ist zweifellos ihre konsequent leichte Bauweise: Das Gewicht pro Sitzplatz liegt bis zu 40 Prozent unter dem vergleichbarer Zugtypen, was erhebliche Einsparungen beim Energieverbrauch für den Antrieb ermöglicht.


Großen Anklang findet auch die Niederflurbauweise, die einen stufenlosen Einstieg von Standardbahnsteigen aus ermöglicht. Hinzu kommt das Konzept des Gelenkzugs, das einen großzügigeren Innenraum bietet und mit freidrehenden Rädern sowie einer präzisen Spurführung ausgestattet ist.


(F) Im Laufe Ihrer beruflichen Laufbahn hatten Sie die Gelegenheit, sowohl mit spanischen als auch mit deutschen Unternehmen und Organisationen zusammenzuarbeiten. Welche Unterschiede würden Sie zwischen den Arbeits- und Geschäftskulturen beider Länder hervorheben?

Talgo trat in den deutschen Markt ein, weil damals ein Bedarf an Nachtzügen mit Schlafwagen bestand, den die deutsche Eisenbahnindustrie zu diesem Zeitpunkt nicht decken konnte.


Als diese Züge ihren Betrieb aufnahmen, beeindruckten mich insbesondere das Engagement bei Talgo, der Stolz auf das eigene Produkt und die Technologie sowie die enorme Motivation des gesamten Teams, die hohe Qualität der Züge unter Beweis zu stellen. Dieser Elan war wirklich beispielhaft. In unserer damals neu gegründeten deutschen Tochtergesellschaft lernten wir, dass der Wille, scheinbar Unmögliches möglich zu machen, zu den wesentlichen Säulen des Erfolgs von Talgo gehörte.


Neben dieser Entschlossenheit war auch die Fähigkeit, zu improvisieren, alternative Lösungen zu suchen und bei Herausforderungen neue Wege zu finden, ein entscheidender Erfolgsfaktor. Die deutsche Arbeitskultur habe ich stets als formeller und strukturierter – vielleicht auch bedachter –, mitunter jedoch als weniger flexibel wahrgenommen. Ich bin überzeugt, dass die ideale Lösung in einer ausgewogenen Verbindung beider Arbeitsweisen liegt. Genau das war bei Talgo Deutschland stets eines unserer Ziele: die spanische Flexibilität und Eigeninitiative mit der für die deutsche Unternehmenskultur typischen Gründlichkeit und Struktur zu verbinden.


(F) Was können spanische Unternehmen Ihrer Erfahrung nach vom deutschen Markt lernen? Und welche Aspekte der spanischen Unternehmenskultur können umgekehrt in Deutschland einen Mehrwert schaffen?

Meiner Erfahrung nach verlangt der deutsche Markt ein hohes Maß an Engagement und legt besonderen Wert auf Formalitäten, Qualitätsstandards und die Einhaltung von Prozessen. In der Regel werden ein sehr hohes Qualitätsniveau sowie die strikte Einhaltung von Lieferterminen und festgelegten Abläufen erwartet.

Diese Anforderungen können gelegentlich in einem gewissen Spannungsverhältnis zu einer der großen Stärken der spanischen Unternehmenskultur stehen: der Flexibilität und Improvisationsfähigkeit, also der Fähigkeit, bei unvorhergesehenen Situationen alternative Wege und kreative Lösungen zu finden.


Ich bin überzeugt, dass eine ausgewogene Verbindung beider Ansätze einen außerordentlichen Mehrwert schafft. Deshalb lautet mein Rat an alle, die im deutsch-spanischen Geschäftsumfeld tätig sind: Seien Sie offen dafür, sich aufeinander einzustellen, einander zuzuhören und voneinander zu lernen. Die Kombination aus Gründlichkeit und Disziplin bei der Einhaltung von Vereinbarungen mit der notwendigen Flexibilität, um auf unterschiedliche Situationen zu reagieren, ermöglicht es häufig, andere und sogar bessere Lösungen zu finden als ursprünglich vorgesehen.


(F) In welchen Bereichen können Sie als neues Vorstandsmitglied Ihre Erfahrung und Ihr Wissen besonders in die Arbeit der Handelskammer und ihre Unternehmensgemeinschaft einbringen?

Es freut mich außerordentlich, dem Vorstand anzugehören! Sehr gerne bringe ich die Erfahrungen ein, die ich im Laufe der Jahre im deutsch-spanischen Umfeld gesammelt habe – sowohl in kulturellen Fragen als auch in Bezug auf die unterschiedlichen Rechts- und Steuersysteme sowie im Eisenbahnsektor.


Besonders schätze ich außerdem die Möglichkeit, einen neuen Raum für Austausch und Zusammenarbeit zu schaffen, in dem wir Wissen teilen, gemeinsam an Lösungen arbeiten und Initiativen entwickeln können, die zur Stärkung der Wirtschaftskooperation zwischen Spanien und Deutschland beitragen.


(F) Haben Sie auch eine persönliche Verbindung zu Spanien?

Meine Verbindung zu Spanien reicht bis in meine frühe Kindheit zurück. Meine Familie lebte drei Jahre lang in Madrid und ich besuchte dort einen zweisprachigen Kindergarten. Später haben mein beruflicher Einstieg in Madrid und die seitdem nahezu täglichen Kontakte mit Spanien dazu geführt, dass ich eine sehr enge Beziehung zu dem Land aufgebaut und dort zahlreiche Freundschaften geschlossen habe.


Ich reise sehr gerne und regelmäßig nach Spanien, um immer wieder neue Gegenden zu entdecken. Zu meinen Lieblingsorten zählt die wilde Mittelmeerküste am Cabo Tiñoso, östlich von Cartagena – eine Naturlandschaft, die ich besonders schätze.


(F) Welche Botschaft möchten Sie abschließend spanischen Unternehmen mit auf den Weg geben, die bereits auf dem deutschen Markt tätig sind oder einen Markteintritt planen? Und was erwarten Sie von Ihrer neuen Aufgabe als Vorstandsmitglied der COECA?

Ich glaube, dass die wirtschaftlichen Grundprinzipien in beiden Ländern im Wesentlichen dieselben sind. Die wichtigsten Unterschiede, die ich beobachte, sind kultureller Natur und zeigen sich in den unterschiedlichen Arbeits- und Kommunikationsweisen. Dies kann gelegentlich zu Missverständnissen führen.


Spanischen Unternehmen, die in Deutschland tätig werden möchten, empfehle ich daher, sich intensiv mit diesen kulturellen Unterschieden auseinanderzusetzen und die manchmal sehr direkte Art der deutschen Kommunikation nicht persönlich zu nehmen.


Ein Ansatz, den ich für besonders erfolgversprechend halte, ist der Aufbau von Teams für den deutschen Markt, in denen sich Deutsche mit einer besonderen Affinität zu Spanien und guten Kenntnissen des Landes mit spanischen Fachkräften ergänzen, die die deutsche Kultur kennen und verstehen. Diese Kombination erleichtert das gegenseitige Verständnis und ermöglicht es, die Stärken beider Kulturen optimal zu nutzen.