Jesús de Paz: „Die Energiewende bedeutet nicht nur Dekarbonisierung – sie erfordert auch den Ausbau der Erzeugungs-, Transport- und Verteilungskapazitäten“
Jesús de Paz: „Die Energiewende bedeutet nicht nur Dekarbonisierung – sie erfordert auch den Ausbau der Erzeugungs-, Transport- und Verteilungskapazitäten“
INGECID wurde 2009 als Spin-off der Universität Kantabrien gegründet und wurde in diesem Jahr mit dem Premio PYME Cantabria 2026 ausgezeichnet. Diese letzte Anerkennung ist das Ergebnis einer bemerkenswerten Entwicklung seit der Unternehmensgründung, die von einer konsequenten Ausrichtung auf Technologie und Innovation geprägt ist. Im folgenden Interview spricht Jesús de Paz, Global Director Infrastructure, BIM & Digital Transformation, über die Entwicklung des Unternehmens sowie über seine Internationalisierungsstrategie mit besonderem Fokus unter anderem auf Deutschland.
(F) Zum Einstieg: Können Sie uns erläutern, womit sich INGECID beschäftigt und worin Ihr Mehrwert innerhalb der Ingenieurbranche besteht?
INGECID ist ein Unternehmen für anspruchsvolle Ingenieurleistungen und Technologie mit mehr als 15 Jahren Erfahrung. Wir sind in kritischen Sektoren wie Kernenergie, Verteidigung, Energie und Gesundheitswesen sowie im Straßen- und Schieneninfrastrukturbau und im anspruchsvollen Industrie- und Hochbau tätig.
Unser kontinuierlicher Fokus auf Innovation hat dazu geführt, dass wir eigene Technologien und Patente entwickelt haben – von patentierten Komponenten und Konstruktionen für den Energiesektor über digitale Zwillinge für den Rückbau von Kernkraftwerken bis hin zu vollständigen, bereits validierten und im Einsatz befindlichen Engineering-Prozessen, die durch Künstliche Intelligenz unterstützt werden.
Unser Mehrwert besteht darin, zwei Bereiche miteinander zu verbinden, die häufig getrennt voneinander betrachtet werden: hochspezialisierte Ingenieurleistungen und Technologie. Wir entwerfen oder berechnen nicht nur eine Infrastruktur – wir digitalisieren sie und begleiten sie über ihren gesamten Lebenszyklus.
(F) Wie waren die Anfänge des Unternehmens und welche Meilensteine haben Ihre Entwicklung seit der Gründung besonders geprägt?
INGECID wurde 2009 als Spin-off der Universität Kantabrien gegründet. Dieser Ursprung prägt unsere Identität bis heute: technisches Know-how, Innovationsgeist und ein konsequenter Fokus auf Technologie.
Zu unseren wichtigsten Meilensteinen zählen die frühe Einführung der BIM-Methodik, lange bevor sie regulatorisch vorgeschrieben war, die ingenieurtechnische Planung und Digitalisierung des Rückbaus des Kernkraftwerks Santa María de Garoña sowie die Entwicklung unserer eigenen Plattform VIRCORE vor mehr als zehn Jahren, die heute die Grundlage unserer Lösungen im Bereich Künstliche Intelligenz und digitale Zwillinge bildet. Hinzu kommen mehrere Patente in den Bereichen erneuerbare Energien, Kernenergie und Verteidigung sowie unsere Beteiligung an Projekten zu Small Modular Reactors (SMR) und der Kernfusion.
Dieses Wachstum hat es uns ermöglicht, Niederlassungen in Deutschland, Norwegen, Südafrika, den USA und Chile zu eröffnen, unsere enge Verbindung zur Wissenschaft über den Lehrstuhl INGECID INNOVA aufrechtzuerhalten und Auszeichnungen wie den Premio PYME Cantabria 2026 zu erhalten.
(F) Welche Rolle spielt INGECID derzeit im Bereich der erneuerbaren Energien und auf welche Projekte sind Sie besonders spezialisiert?
Wir entwickeln selbst keine Energieparks, sondern liefern Ingenieurleistungen, Digitalisierung und Technologie, um diese Anlagen effizienter zu planen, zu errichten und zu betreiben. Unsere Tätigkeit konzentriert sich auf drei Bereiche: die Digitalisierung des gesamten Lebenszyklus von Anlagen, die technische Planung sowie disruptive Technologien auf Basis von KI und generativem Design.
Im Bereich Digitalisierung haben wir BIM-Methoden bei großen Energieunternehmen eingeführt und als BIM Management Office sowie als Technologiepartner sämtliche Phasen des Lebenszyklus begleitet. Im Bereich Engineering entwickeln wir Tragwerksberechnungen für Fundamente, Türme und Komponenten und verfügen über mehrere eigene Patente im Bereich der Onshore- und Offshore-Windenergie.
Unsere derzeit größte Investition gilt der Künstlichen Intelligenz und dem generativen Design. Wir haben langjähriges Fachwissen in eigene Algorithmen integriert, die das Design einer Anlage – von der Due Diligence bis ins kleinste technische Detail – optimieren. Dieser Ansatz basiert auf unserer Plattform VIRCORE und findet Anwendung in Lösungen wie WINDIA für Windparks und SUNIA für Photovoltaikanlagen. Darüber hinaus arbeiten wir bereits an hybriden Lösungen mit Energiespeicherung.
(F) Die Energiewende verändert den Energiesektor grundlegend. Welche Chancen und Herausforderungen sieht INGECID in den kommenden Jahren?
Die Energiewende wird häufig mit dem Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien gleichgesetzt. Die eigentliche Herausforderung ist jedoch wesentlich komplexer: Sie findet gleichzeitig mit einem starken Anstieg der Energienachfrage statt – bedingt durch Elektrifizierung, Rechenzentren und Künstliche Intelligenz. Es geht also nicht nur darum, zu dekarbonisieren, sondern dies gleichzeitig mit einem Ausbau der Erzeugungs-, Transport- und Verteilungskapazitäten zu verbinden.
Wir sehen drei zentrale Herausforderungen. Erstens müssen neue Infrastrukturen schneller und strategischer geplant und umgesetzt werden. Dabei gilt es zu entscheiden, wo investiert werden soll und wie Erzeugung, Speicherung und Netze optimal integriert werden können. Zweitens müssen bestehende Anlagen erhalten, modernisiert und optimiert werden – hier spielen digitale Zwillinge, Datenintegration und moderne Monitoring-Lösungen eine Schlüsselrolle. Drittens stellt der Mangel an qualifizierten Fachkräften sowie der Wissenstransfer innerhalb der Unternehmen eine große Herausforderung dar.
(F) INGECID ist Mitglied der Arbeitsgruppe ENÉRGICA. Was hat Sie dazu bewogen, sich dieser Initiative anzuschließen?
Wir sind seit 2022 in Deutschland vertreten – einem strategisch wichtigen Markt für die europäische Energiewende. Um sich dort erfolgreich zu etablieren, reicht technisches Know-how allein jedoch nicht aus. ENÉRGICA, initiiert von der Spanischen Handelskammer in Deutschland mit Unterstützung der Spanischen Botschaft, bietet uns einen wichtigen Raum für Austausch und Repräsentation innerhalb des deutsch-spanischen Energieökosystems.
Unsere Motivation ist zweifach: Einerseits möchten wir unsere lokale Präsenz durch vertrauensvolle Beziehungen und den Austausch mit anderen spanischen Unternehmen stärken. Andererseits möchten wir unsere Kompetenzen in den Bereichen Engineering, Technologie und Digitalisierung in eine Initiative einbringen, die gemeinsame Ziele verfolgt.
Darüber hinaus möchte ich besonders das engagierte und nahbare Team von ENÉRGICA und der Handelskammer hervorheben. Es schafft ein Umfeld, in dem langfristige Beziehungen und neue Ideen entstehen können.
(F) Welchen Mehrwert bietet ENÉRGICA den beteiligten Unternehmen und welche Vorteile hat INGECID aus dieser Zusammenarbeit gezogen?
Um in Deutschland nachhaltig zu wachsen, genügt eine lokale Präsenz allein nicht – entscheidend ist die Integration in das wirtschaftliche Ökosystem. Genau hier schafft ENÉRGICA einen echten Mehrwert. Die Initiative erhöht die gemeinsame Sichtbarkeit spanischer Unternehmen aus dem Energiesektor, erleichtert Kooperationen und verbessert das Verständnis eines ebenso wichtigen wie komplexen Marktes – mit institutioneller Unterstützung der Handelskammer und der Spanischen Botschaft.
Für INGECID waren die Vorteile sehr konkret: Wir konnten unser Netzwerk ausbauen, potenzielle Partner und Kunden identifizieren, unsere Kompetenzen in den Bereichen Engineering, BIM, digitale Zwillinge und KI präsentieren und unser Verständnis des deutschen Marktes deutlich beschleunigen. ENÉRGICA hilft dabei, den Kontext zu verstehen, in dem Chancen entstehen, und verkürzt die Lernkurve erheblich.
(F) Wie trägt aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Institutionen und Technologiezentren dazu bei, Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien schneller voranzubringen?
Die Energiewende in Verbindung mit der steigenden Energienachfrage gehört zu den größten Herausforderungen unserer Generation. Keine Organisation verfügt allein über alle notwendigen Kompetenzen, um diese Aufgabe mit der erforderlichen Geschwindigkeit zu bewältigen. Unternehmen bringen Branchenwissen und Umsetzungskompetenz ein, Institutionen schaffen den regulatorischen Rahmen, und Technologiezentren fördern Innovation sowie Wissenstransfer.
Wenn diese drei Akteure eng zusammenarbeiten, lassen sich Zeitaufwand und Risiken reduzieren und gleichzeitig die Einführung neuer Technologien beschleunigen – insbesondere bei der Digitalisierung von Infrastrukturen, dem Einsatz von KI für Anlagen, digitalen Zwillingen oder Wasserstofftechnologien.
Bei INGECID leben wir dieses Modell seit unserer Gründung als Spin-off der Universität Kantabrien und fördern es weiterhin über den Lehrstuhl INGECID Innova sowie über öffentlich-private Kooperationsprojekte. Die wirkungsvollsten Projekte entstehen häufig dort, wo unterschiedliche Kompetenzen und Perspektiven zusammenkommen.
(F) INGECID hat angekündigt, seine internationale Präsenz weiter auszubauen. Welche Ziele verfolgen Sie in Deutschland und welche Chancen sehen Sie dort?
Deutschland ist einer der bedeutendsten Industrie- und Technologiemärkte Europas und seit vielen Jahren ein zentraler Bestandteil unserer Internationalisierungsstrategie. Tatsächlich war Deutschland eines der ersten europäischen Länder, in denen wir uns niedergelassen haben. Dort haben wir Projekte in den Bereichen Digitalisierung von Verkehrsinfrastrukturen, Asset Management, BIM und digitale Zwillinge umgesetzt und verfügen zudem über Erfahrung im Offshore-Windenergiesektor.
Für die Zukunft sehen wir großes Potenzial in der Verbindung von Energie, Digitalisierung und Technologie. Die Energiewende führt zu umfangreichen Investitionen in erneuerbare Energien, Netze, Speicherlösungen und Wasserstoff – gleichzeitig steigt der Bedarf, diese Infrastrukturen effizienter zu planen, zu errichten und zu betreiben. Genau hier können wir unseren besonderen Mehrwert einbringen.
Unser Ziel ist es, unsere Präsenz in Deutschland durch langfristige Kooperationen mit Unternehmen, Institutionen und lokalen Organisationen weiter zu festigen.
(F) Abschließend: Welche strategischen Ziele verfolgt INGECID in den kommenden Jahren im Bereich der Internationalisierung?
Unsere Internationalisierungsstrategie besteht nicht darin, bestehende Angebote in jedem Markt zu kopieren oder ausschließlich im klassischen Ingenieurwesen zu konkurrieren. Das würde nur einen begrenzten Mehrwert schaffen. Unser Ziel ist es vielmehr, uns als Partner zu positionieren, der Engineering, Digitalisierung und Technologie miteinander verbindet, um komplexe Herausforderungen auf innovative Weise zu lösen.
Unsere Ambition besteht daher nicht nur darin, unsere internationale Präsenz auszubauen, sondern auch an immer strategischeren Projekten mitzuwirken, bei denen wir Innovation und spezialisiertes Know-how einbringen und unsere Kunden dabei unterstützen können, bessere Entscheidungen zu treffen und ihre Transformation zu beschleunigen.
Diese Strategie wird bereits umgesetzt – mit Aktivitäten in Deutschland, Norwegen, Belgien, dem Vereinigten Königreich, Südafrika, den USA, Chile und dem Nahen Osten sowie weiteren Märkten. Unser Ziel ist es, diese internationale Präsenz weiter zu festigen und die Reichweite unserer besonderen Kompetenzen kontinuierlich auszubauen.
